Es gibt keine fehlerfreie KI – warum Erfahrung in der Robotik wichtiger wird als je zuvor

„Das hat die KI erstellt. Das wird schon stimmen.“

Das ist die gefährlichste Aussage, die ich in unserer Branche höre. Gefährlicher als jeder einzelne Programmierfehler – und sie wird mit jedem KI-Fortschritt häufiger.

Denn je mächtiger KI in der Robotik wird, desto verführerischer wird der Gedanke, ihr blind zu vertrauen. Und desto wichtiger wird die eine Frage, um die sich dieser ganze Beitrag dreht: Wer erkennt den Fehler, wenn die KI sich irrt?

In den letzten Monaten habe ich unzählige Beiträge gelesen, die eines gemeinsam haben:

KI soll Roboter automatisch programmieren.

KI soll Taktzeiten optimieren.

KI soll Fehler selbstständig erkennen.

KI soll komplexe Automatisierungsaufgaben lösen.

Manchmal entsteht dabei der Eindruck, als würden wir kurz davor stehen, den erfahrenen Roboterprogrammierer, Inbetriebnehmer oder Automatisierungsingenieur überflüssig zu machen.

Nach über 30 Jahren in der Robotik sehe ich das anders.

Nicht weil ich gegen KI bin.

Sondern weil ich täglich mit Robotern arbeite.

KI ist eines der mächtigsten Werkzeuge, die wir je hatten

Zunächst einmal:

Ich halte Künstliche Intelligenz für eine der wichtigsten Technologien unserer Zeit.

Wir nutzen KI bereits heute für:

  • Recherche
  • Dokumentation
  • Programmierung
  • Fehleranalyse
  • Wissensmanagement
  • Schulungssysteme

Die Produktivitätsgewinne sind enorm.

Wer als Ingenieur oder Techniker in Zukunft keine KI nutzt, wird Nachteile haben.

Davon bin ich überzeugt.

Doch gleichzeitig beobachte ich einen gefährlichen Trend.

Viele Menschen verwechseln Intelligenz mit Unfehlbarkeit.

Die gefährlichste Aussage in der Robotik

Die gefährlichste Aussage in der Robotik lautet nicht:

„Der Roboter hat einen Fehler gemacht.“

Die gefährlichste Aussage lautet:

„Das hat die KI berechnet. Das wird schon stimmen.“

Genau an diesem Punkt beginnt das Risiko.

Denn KI kann irren.

Nicht manchmal.

Sondern regelmäßig.

Wer täglich mit modernen KI-Systemen arbeitet, kennt das Phänomen.

Die Antwort klingt überzeugend.

Die Argumentation wirkt logisch.

Die Formulierung ist professionell.

Und trotzdem ist das Ergebnis falsch.

Das Problem ist nicht die KI

Das Problem ist blindes Vertrauen.

Ich habe in meiner Laufbahn unzählige Roboterprogramme erstellt und in Betrieb genommen.

Und obwohl ich mir bei manchen Programmen zu 100 Prozent sicher war, habe ich sie trotzdem zuerst langsam getestet.

Im Tippbetrieb. Schritt für Schritt. Die Hand immer am Not-Halt.

Warum?

Weil Erfahrung lehrt, dass zwischen Theorie und Realität oft Welten liegen.

Ein Werkzeug schwingt anders als erwartet.

Ein Kabelpaket verhält sich anders.

Ein Werkstück weist Toleranzen auf.

Ein Sensor liefert unerwartete Werte.

Ein Bediener verändert einen Prozess.

Genau deshalb wird kein verantwortungsvoller Roboterprogrammierer eine neue Bewegung ungeprüft im Automatikbetrieb starten.

Selbst dann nicht, wenn die Simulation perfekt aussieht.

Erfahrung kann man nicht downloaden.

Die Realität ist komplexer als jedes Modell

In den letzten Jahrzehnten gab es immer wieder Technologien, die versprochen haben, den Roboterprogrammierer zu ersetzen.

Offline-Programmierung.

Automatische Bahnplanung.

Selbstoptimierende Systeme.

Intelligente Assistenten.

Viele dieser Technologien haben tatsächlich Fortschritte gebracht.

Aber keine hat die Erfahrung eines guten Robotik-Ingenieurs ersetzt.

Warum?

Weil eine Produktionshalle kein CAD-Modell ist.

Eine echte Fertigung besteht aus:

  • Verschleiß
  • Toleranzen
  • Zeitdruck
  • wechselnden Produkten
  • unterschiedlichen Mitarbeitern
  • unerwarteten Störungen

Diese Realität lässt sich nicht vollständig simulieren.

Und genau deshalb bleibt Erfahrung unverzichtbar.

KI wird den Robotiker nicht ersetzen

Ich glaube nicht, dass KI den erfahrenen Robotiker ersetzt.

Ich glaube, dass KI den erfahrenen Robotiker verstärkt.

Das ist ein entscheidender Unterschied.

Ein guter Robotik-Ingenieur mit KI-Unterstützung wird künftig deutlich leistungsfähiger sein als heute.

Eine KI ohne Robotik-Erfahrung wird jedoch weiterhin an Grenzen stoßen.

Die Zukunft gehört deshalb nicht dem Menschen.

Und auch nicht der KI.

Die Zukunft gehört der Zusammenarbeit beider Welten.

Erfahrung schlägt Lautstärke

Derzeit erleben wir einen enormen KI-Hype.

Jeden Tag entstehen neue Unternehmen.

Jeden Tag werden neue Versprechen gemacht.

Das ist grundsätzlich positiv.

Innovation braucht Mut.

Aber Unternehmen sollten sich eine einfache Frage stellen:

Wer hat die meisten Folien?

Oder wer hat die meiste praktische Erfahrung?

Gerade in der Robotik entscheidet am Ende nicht das beste Marketing.

Entscheidend sind funktionierende Anlagen, sichere Prozesse und erfolgreiche Projekte.

Dafür braucht es Erfahrung.

Heute mehr denn je.

3 Fragen, bevor Sie einer KI-Lösung in der Robotik vertrauen

Wenn Ihnen das nächste Mal eine KI-generierte Lösung präsentiert wird – ob Roboterprogramm, Taktzeit-Optimierung oder Fehlerdiagnose –, stellen Sie diese drei Fragen:

  • Wurde die Lösung unter realen Bedingungen getestet – oder nur in der Simulation?
  • Versteht jemand im Team, warum die KI zu diesem Ergebnis kommt – und kann es überprüfen?
  • Wer trägt die Verantwortung, wenn es im Automatikbetrieb schiefgeht?

Wenn die ehrliche Antwort auf eine dieser Fragen „weiß ich nicht“ lautet, ist die Lösung noch nicht fertig – egal wie überzeugend sie klingt.

Mein Fazit

Ich bin überzeugt, dass KI die Robotik revolutionieren wird.

Aber ich glaube nicht an die fehlerfreie KI.

Und das muss ich auch nicht.

Die entscheidende Frage lautet nicht:

Wann wird KI perfekt?

Die entscheidende Frage lautet:

Wer erkennt den Fehler, wenn die KI sich irrt?

Solange diese Antwort nicht eindeutig „die KI selbst“ lautet, bleiben Erfahrung, kritisches Denken und menschliche Verantwortung unverzichtbar.

Und genau deshalb wird der erfahrene Robotiker auch in Zukunft eine zentrale Rolle spielen.


Genau dafür steht ROBTEC: Wir nutzen KI dort, wo sie stark ist – und verbinden sie mit über 30 Jahren Praxis an realen Industrieroboter-Anlagen. Ob in der Roboterschulung oder in der Beratung: Am Ende entscheidet nicht der Algorithmus, sondern menschliche Erfahrung.

— Werner Hampel, ROBTEC GmbH. Seit über 30 Jahren in der industriellen Robotik und Vizepräsident im Vorstand des Deutschen Robotikverbands.